Ein verheerender Feuer hat in der Nacht zum Montag die traditionsreiche Freimaurer-Loge Modestia cum Libertate am Zürcher Lindenhof vollständig zerstört. Vom historischen Gebäude sind nur noch verkohlte Balkenreste übrig geblieben. Die Einsatzkräfte von Feuerwehr, Polizei und Zivilschutz waren stundenlang vor Ort, um den Brand zu löschen und die Unglücksstelle zu sichern.
Mitglieder vermuten vorsätzliche Tat
Zwei Mitglieder der betroffenen Loge, die anonym bleiben möchten, zeigen sich zutiefst erschüttert über den Verlust ihres Vereinsgebäudes. Sie sprechen von einem «Super-GAU» und äussern den starken Verdacht, dass es sich um Brandstiftung handelt. “Das war böswillig”, betonen sie gegenüber Medienvertretern. Ihrer Ansicht nach hätte die massive Holzverkleidung der Innenräume nicht durch einen gewöhnlichen Zwischenfall wie eine umgefallene Kerze oder einen Kurzschluss in Brand geraten können.
Besonders beunruhigend ist für die Freimaurer, dass offenbar auch wertvolle Gegenstände gestohlen wurden. Historische zeremonielle Gehstöcke, die in Vitrinen aufbewahrt wurden, sind spurlos verschwunden. Die Vitrinen selbst wurden mutwillig zerstört. Auch kostbare Gemälde und eine wertvolle Silberskulptur in Form eines Baumes sollen entwendet worden sein.
Zusammenhang mit öffentlicher Debatte vermutet
Die betroffenen Logen-Mitglieder sehen einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Brand und der jüngsten medialen Aufmerksamkeit, die ihre Organisation erhalten hat. Erst am vergangenen Wochenende war ein Video des «Weltwoche»-Herausgebers Roger Köppel und eines Historikers über die Loge am Lindenhof erschienen. Die verschwörungstheoretischen Kommentare unter diesem Video hätten möglicherweise potenzielle Täter auf ihre Einrichtung aufmerksam gemacht, vermuten die Freimaurer.
Zudem spekulieren sie über einen Bezug zum Weltwirtschaftsforum (WEF). Es sei denkbar, dass jemand mit einer Abneigung gegen das Davoser Wirtschaftstreffen seine Wut an der Freimaurer-Loge ausgelassen habe. Einer der Gesprächspartner geht davon aus, dass die mutmasslichen Täter die Räumlichkeiten von innen gekannt haben könnten, möglicherweise durch eine frühere Führung.
Leben mit Vorurteilen und Verschwörungstheorien
Die beiden Freimaurer schildern, wie belastend der ständige Umgang mit Vorurteilen und Verschwörungserzählungen für ihre Gemeinschaft ist. “Das ist alles Unsinn”, betont einer von ihnen nachdrücklich. Die moderne Freimaurerei habe nichts mit den mythischen Illuminaten gemein. “Wir sind kein Geheimbund, sondern ein Verschwiegenheitsbund”, stellen sie klar. Die Verschwiegenheit diene lediglich dazu, das gemeinsame Wissen und die Erfahrungen nur mit Gleichgesinnten zu teilen.
Die weit verbreiteten Mythen über eine geheime Kontrolle des Weltgeschehens entsprächen nicht der Realität. Während in den USA historisch bekannte Politiker Mitglieder gewesen seien, treffe dies auf die Zürcher Loge nicht zu. Auch die abstrusen Gerüchte über Verfolgung oder gar Tötung von austretenden Mitgliedern seien vollkommen haltlos.
Tradition und moderne Realität
Ursprünglich aus mittelalterlichen Handwerkerzünften entstanden, verstehen sich die heutigen Freimaurer als Gemeinschaft von Menschen, die sich intensiv mit sich selbst und ihrer Umwelt auseinandersetzen möchten. Der elitäre Ruf entstehe hauptsächlich dadurch, dass vermehrt Akademiker der Organisation beiträten und durch die Exklusivität des Aufnahmeverfahrens. In Zürich existiere beispielsweise auch eine Loge, die sich vorwiegend aus Künstlerinnen und Künstlern zusammensetze.
Der tatsächliche Alltag der Freimaurer bestehe aus regelmässigen Treffen, bei denen über Ideen, Wissen und aktuelle Ereignisse diskutiert werde. Im Zentrum stünden dabei die fünf Grundideale: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Lediglich Religion und Politik seien als Gesprächsthemen tabu.
Aufnahmeverfahren und gemeinnützige Arbeit
Grundsätzlich könne fast jeder Freimaurer werden, unabhängig von Hautfarbe oder sozialer Herkunft, erklären die Mitglieder. Nach einer Bewerbung folgen verschiedene Gespräche, in denen die Eignung des Kandidaten geprüft wird. “Einen allzu langen Strafregisterauszug sollte man aber nicht haben”, scherzt einer der Gesprächspartner.
Die sorgfältige Auswahl habe auch historische Gründe: In der Vergangenheit hätten Extremisten versucht, Freimaurerlogen zu unterwandern und als Geheimorganisationen für staatsfeindliche Zwecke zu missbrauchen. Als Beispiel nennen sie die berüchtigte italienische Loge Propaganda Due, der auch der ehemalige Premierminister Silvio Berlusconi angehört hatte.
Neben der geistigen Entwicklung ihrer Mitglieder engagieren sich die Freimaurer auch stark im gemeinnützigen Bereich. Die Zürcher Loge habe erst kürzlich eine Viertelmillion Franken für die Behandlung schwer heilbarer Krankheiten gespendet, berichten die Mitglieder stolz.