Eine umfassende Analyse der Eigentumsverteilung in der Stadt Zürich hat bemerkenswerte Dimensionen des institutionellen Wohnbesitzes offengelegt. Drei Schweizer Grossunternehmen – die UBS, Swiss Life und die Zurich Versicherung – kontrollieren zusammen über eine Million Quadratmeter Wohnfläche in der Limmatstadt.
Gigantische Dimensionen des Konzernbesitzes
Die Zahlen sind beeindruckend: Die UBS verfügt allein über 477'636 Quadratmeter Wohnfläche in Zürich. Um diese Dimension zu veranschaulichen, entspricht dies etwa der Grundfläche des Helvetiaplatzes, hochgerechnet auf 122 Stockwerke – mehr als dreimal so hoch wie der markante Prime Tower. Swiss Life folgt mit 400'978 Quadratmetern, während die Zurich Versicherung 235'982 Quadratmeter ihr Eigen nennt.
Diese Daten stammen aus einer exklusiven Recherche, die das Zürcher Grundbuchamt systematisch ausgewertet hat. Die Untersuchung wurde vom Recherchekollektiv WAV durchgeführt und bietet erstmals einen detaillierten Einblick in die Besitzverhältnisse der grössten Schweizer Stadt.
Politische Bewertungen spalten sich
Die Reaktionen auf diese Erkenntnisse fallen je nach politischem Standpunkt unterschiedlich aus. SP-Stadtratskandidat Tobias Langenegger bezeichnet die Konzentration von Wohnraum in den Händen renditeorientierter Eigentümer als “Alarmzeichen”. Seine Sorge gilt primär der Verdrängung von Mietern und überhöhten Anfangsmieten, die durch den Renditedruck entstehen könnten.
Demgegenüber zeigt sich GLP-Stadtratskandidatin Serap Kahriman weniger überrascht von der Präsenz institutioneller Anleger auf dem Wohnungsmarkt. Für sie sind vielmehr die schieren Dimensionen bemerkenswert. Kahriman betont die grosse Verantwortung einzelner institutioneller Akteure und fordert klare politische Spielregeln. Gleichzeitig anerkennt sie die grundsätzlich positive Rolle langfristiger Investitionen.
Strukturelle Marktcharakteristika
Trotz der starken institutionellen Präsenz bleiben Privatpersonen mit rund 39 Prozent die grösste Eigentümergruppe bei der Zürcher Wohnfläche. Diese Verteilung verdeutlicht laut Kahriman, dass der Wohnungsmarkt kein klassischer Wettbewerbsmarkt ist, sondern stark strukturell geprägt und von wenigen grossen Akteuren mitbestimmt wird.
Die GLP-Politikerin sieht in dieser Konstellation sowohl Herausforderungen als auch Chancen. “Wohnen ist keine beliebige Ware”, argumentiert sie und fügt hinzu, dass Rendite zwar ein Faktor sein dürfe, aber nicht der einzige Massstab. Ihre Lösung liegt in einer Partnerschaft mit privaten Eigentümern, die durch Planungssicherheit Anreize für sozialverträgliche Verdichtung schaffen soll.
Genossenschaftlicher und städtischer Anteil bleibt bescheiden
Ein kritischer Punkt der Analyse zeigt sich beim Anteil gemeinnütziger und städtischer Wohnungen. Stadt und Genossenschaften besitzen zusammen nur etwa 25 Prozent der Zürcher Wohnfläche. Damit liegt die Stadt deutlich unter dem sogenannten “Drittelsziel”, das bis 2050 eine Erhöhung des Anteils preisgünstiger Wohnungen und Gewerberäume auf 33 Prozent vorsieht.
Trotzdem zählen einzelne Genossenschaften zu den bedeutendsten Marktakteuren. Die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ) kontrolliert 1,6 Prozent der städtischen Wohnfläche, während die Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ) auf einen Anteil von einem Prozent kommt.
Langfristige Herausforderungen für die Wohnpolitik
Die Erkenntnisse werfen grundlegende Fragen zur Zukunft der Zürcher Wohnpolitik auf. Während Langenegger stärkere Regulierungen fordert, um renditeorientierte Praktiken zu begrenzen, setzt Kahriman auf Kooperation und Anreizsysteme. Beide Ansätze spiegeln die politische Debatte wider, wie mit der starken Konzentration von Wohnbesitz in institutionellen Händen umgegangen werden soll.
Die Diskussion zeigt auch die Komplexität des Zürcher Wohnungsmarktes auf, wo verschiedene Akteure mit unterschiedlichen Zielen und Strategien agieren. Die Balance zwischen notwendigen Renditen für Pensionskassen und Versicherungen einerseits und bezahlbarem Wohnraum für die Bevölkerung andererseits bleibt eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahre.