Eine umfassende Sanierungsaktion im Zürcher Kreis 4 zwingt über 300 Menschen zum Auszug aus ihren angestammten Wohnungen. Die H&B Real Estate AG hat insgesamt 146 Mietparteien an der Hard- und Eichbühlstrasse gekündigt, da die Gebäude aus den 1950er Jahren eine Totalsanierung benötigen, die ein Verbleiben der Mieter unmöglich macht.
Desolater Zustand erfordert umfassende Eingriffe
Simon Weiss, Bereichsleiter Immobilienbewirtschaftung der H&B Real Estate AG, bestätigt den Ernst der Lage: Die charakteristischen Gebäude mit ihren dunkelgrünen Fensterläden weisen einen schlechten bis desolaten Zustand auf. Besonders problematisch sind die sich häufenden Wasserschäden, die in den vergangenen Jahren nur noch temporär behoben werden konnten. Die durchgeführten Analysen haben ergeben, dass eine Eingriffstiefe erforderlich ist, die eine bewohnte Sanierung ausschliesst.
Die betroffenen Liegenschaften stammen aus der Nachkriegszeit und haben über die Jahrzehnte erhebliche bauliche Mängel entwickelt. Was ursprünglich als kleinere Reparaturarbeiten begann, hat sich zu einem strukturellen Problem ausgeweitet, das nur noch durch eine komplette Erneuerung der Bausubstanz gelöst werden kann.
Unterstützung bei der Wohnungssuche versprochen
Die Vermieterschaft betont, die betroffenen Mieter bei der Suche nach neuen Wohnungen unterstützen zu wollen. Das Hilfspaket umfasst Suchabos, Begleitung zu Wohnungsbesichtigungen und eine aktive Ansprache von Eigentümern geeigneter Mietobjekte. Zudem zeigt sich das Unternehmen kulant bei den Mietverhältnissen: Wer früher eine neue Bleibe findet, kann auch vorzeitig ausziehen.
Der erste Auszugstermin ist für das kommende Jahr angesetzt, wobei die Kündigungen bewusst früh ausgesprochen wurden, um den Mietparteien eine möglichst lange Suchzeit zu gewähren. Diese Vorgehensweise soll den Druck auf die Betroffenen mindern und realistische Chancen auf dem angespannten Zürcher Wohnungsmarkt ermöglichen.
Widerstand formiert sich in der Nachbarschaft
Doch nicht alle Bewohner akzeptieren die Situation widerstandslos. Seit Freitag hängt ein Banner mit der Aufschrift “Wir wollen bleiben” aus einem der Fenster. Eine langjährige Mieterin, die bereits seit 14 Jahren in dem Gebäude lebt, organisiert den Widerstand ihrer Nachbarschaft. Für sie und viele andere war die Kündigung ein Schock.
Besonders betroffen sind Familien aus Portugal und Spanien, für die diese Wohnungen oft die erste Unterkunft in der Schweiz darstellten. Manche Bewohner leben seit über 40 Jahren in den Gebäuden und fürchten nun, keine bezahlbare Alternative zu finden. Die Organisatorin des Protests vermutet, dass die Vermieterschaft nach der Sanierung deutlich höhere Mieten verlangen will.
Kritik an der Sanierungsstrategie
Die Bewohner stellen die Notwendigkeit einer kompletten Räumung in Frage und verweisen auf alternative Sanierungsmodelle. Als Beispiel führen sie die Sanierung des städtischen Bullingerhofs an, wo etappenweise vorgegangen wurde und Mieter während der Bauarbeiten innerhalb des Komplexes umziehen konnten. Diese Lösung würde es ermöglichen, in der gewohnten Umgebung zu bleiben und soziale Strukturen zu erhalten.
Die kritisierten Mieter kündigen rechtliche Schritte an. Die Organisatorin des Widerstands will ihre Kündigung anfechten und hofft auf Unterstützung durch Mieterverbände und möglicherweise auch politische Instanzen.
Herausforderung für den Zürcher Wohnungsmarkt
Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die angespannte Situation am Zürcher Wohnungsmarkt. Die gleichzeitige Suche von über 300 Personen nach neuen Wohnungen in einem bereits überlasteten Markt stellt eine erhebliche Herausforderung dar. Besonders Familien mit geringeren Einkommen dürften Schwierigkeiten haben, adäquate und bezahlbare Alternativen zu finden.
Die Totalsanierung soll bis 2030 abgeschlossen sein, was den Betroffenen theoretisch ausreichend Zeit für die Wohnungssuche gibt. Ob dies angesichts der Marktlage realistisch ist, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.