Eine Wohnsiedlung im Zürcher Kreis 8 steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Die UBS plant über ihren Immobilienfonds Sima zusammen mit der Halter AG die «Weiterentwicklung und Erneuerung» der Siedlungen Im Walder und Niederhofenrain. Von den Plänen sind rund 150 Mietparteien sowie ein seit Jahrzehnten etablierter Quartierladen betroffen.
Ungewisse Zukunft für langjährige Mieter
Die Bewohner der Siedlung erhielten Ende Januar ein Schreiben der Livit Verwaltung, welches die geplante Erneuerung ankündigte. Obwohl die UBS betont, dass noch kein konkretes Bauprojekt vorliege und keine Kündigungen ausgesprochen worden seien, herrscht bei den Mietern grosse Unsicherheit über ihre Zukunft.
Die Anzeichen für eine bevorstehende Verdrängung sind deutlich: Seit vier Jahren werden keine Malerarbeiten mehr durchgeführt, Anfragen der Mieter werden laut einer langjährigen Bewohnerin meist negativ beantwortet, und neue Mietverträge werden nur noch bis Juli 2028 befristet. Diese Vorgehensweise lässt auf eine systematische Vorbereitung für einen Ersatzneubau schliessen.
Viele der betroffenen Mieter leben bereits seit Jahrzehnten in der beschaulichen Siedlung nahe der Stadtgrenze zu Zollikon. Eine Bewohnerin, die seit 1990 hier wohnt und mit ihrem pensionierten Ehemann drei Kinder grossgezogen hat, zahlt für ihre 4.5-Zimmerwohnung mit 85 Quadratmetern 2000 Franken monatlich. Die Mieten variieren stark je nach Wohndauer der Mieter – ein Phänomen, das bei Ersatzneubauten typischerweise zu einer drastischen Vereinheitlichung auf deutlich höherem Niveau führt.
Quartierladen vor dem Aus
Besonders betroffen ist auch Christoph Stüssi, der seit 38 Jahren einen Quartierladen in der Siedlung betreibt. Gemeinsam mit seiner Frau Emilia führt er das Geschäft seit 2001 und hatte erst kürzlich Sanierungen vorgenommen, um den Laden nach der Pensionierung weitergeben zu können. Der Quartierladen fungiert nicht nur als Einkaufsmöglichkeit, sondern auch als sozialer Treffpunkt für die Nachbarschaft und bildet Lernende aus.
Stüssi, selbst UBS-Kunde, zeigt sich enttäuscht über die fehlende Vorinformation und sorgt sich besonders um Mieter mit körperlichen Beeinträchtigungen, die auf dem angespannten Zürcher Wohnungsmarkt kaum passende Alternativen finden werden.
Halter AG als Projektpartner
Für die Umsetzung des Bauprojekts arbeitet die UBS mit der Halter AG zusammen, einem Unternehmen, das sich auf Ersatzneubauten spezialisiert hat. Die Halter AG ist bereits in anderen Zürcher Stadtteilen wie dem Letzigarten und Triemli mit ähnlichen Projekten aktiv. Gemäss dem Schreiben der Livit führt Halter bereits «vorbereitende Untersuchungen» auf dem Areal durch.
Argumente der Eigentümer
Zur Begründung der geplanten Erneuerung verweist die Verwaltung darauf, dass sich die Grundstücke mit der geltenden Zonenordnung “wesentlich besser nutzen lassen” und dies “das dringend benötigte Wohnangebot in Zürich deutlich erweitern” würde. Die meisten Gebäude stammen aus dem Jahr 1952, wobei die Sanierungen von 2003 im Schreiben unerwähnt bleiben.
Kritik von Mietervertretern
Mischa Schiwow, Co-Präsident des Mieterverbandes, kritisiert die Argumentation scharf und spricht von “Zynismus”, wenn angesichts der Verdrängung von 150 langjährigen Mietparteien mit Wohnungsknappheit argumentiert werde. Er bemängelt zudem die “undurchsichtige Vorgehensweise” und hat diese bereits mit einem Postulat hinterfragt.
Schiwow weist darauf hin, dass in der Kommunikation bewusst Begriffe wie “Kündigung”, “Abbruch” oder “Ersatzneubau” vermieden werden, obwohl genau dies geplant sei.
UBS als Grosseigentümerin
Seit der Übernahme der Credit Suisse ist die UBS zur grössten Immobilienbesitzerin in Zürich geworden und verfügt über 6500 Wohnungen auf städtischem Boden mit einer Gesamtfläche von knapp 478'000 Quadratmetern. Diese Marktmacht verstärkt die Sorgen der Mieter über ihre Verhandlungsposition.
Widerstand formiert sich
Wie bei anderen Grossprojekten in Zürich regt sich auch in Riesbach Widerstand gegen die Verdrängung. Der Mieterverband organisiert Informationsveranstaltungen für die Quartierbewohner, bei denen auch Quartierladen-Betreiber Stüssi teilnehmen will. Die betroffenen Mieter hoffen, durch gemeinsames Auftreten ihre Interessen besser vertreten zu können und möglicherweise Alternativen zur kompletten Verdrängung zu finden.