Die Installation eines Eruvs in mehreren Zürcher Quartieren löst eine heftige politische Debatte aus. Der Genfer Ständerat Mauro Poggia vom rechtsbürgerlichen Mouvement Citoyens Genevois (MCG) kritisiert die religiöse Einrichtung scharf und bezeichnete sie als “freiwilliges Ghetto”. Seine Äusserungen stossen bei jüdischen Organisationen auf entschiedenen Widerspruch.
Was ist ein Eruv und wie funktioniert er?
Seit wenigen Wochen verbindet eine nahezu unsichtbare Nylonschnur verschiedene Stadtteile Zürichs zu einem sogenannten Eruv. Diese religiöse Einrichtung ermöglicht es orthodoxen Jüdinnen und Juden, am Schabbat Gegenstände wie Schlüssel, Kinderwagen oder andere Alltagsgegenstände ausserhalb ihrer Wohnung zu tragen. Ohne diese symbolische Umgrenzung wäre dies nach strengen religiösen Vorschriften nicht gestattet.
Die Installation erfolgte nach jahrelangen Planungen und Abstimmungen mit den städtischen Behörden. Der Eruv ist praktisch unsichtbar und beeinträchtigt weder den öffentlichen Raum noch andere Bewohnerinnen und Bewohner der betroffenen Quartiere.
Scharfe Kritik aus Genf
Auf der Plattform LinkedIn äusserte sich Poggia “bestürzt” über die Einrichtung des Eruvs. Der zum Islam konvertierte Politiker argumentiert, dass seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gemeinsam an Toleranz, Dialog und Integration gearbeitet worden sei. Die Schaffung des Eruvs durch eine “linke Mehrheit” bezeichnete er als rückwärtsgewandten Schritt.
Besonders kontrovers ist Poggias Verwendung des Begriffs “freiwilliges Ghetto”. Er warnt davor, dass eine solche Einrichtung zur Bildung separater Wohnviertel führen könne. Als Vergleich zieht er die Situation in Frankreich heran, wo seiner Ansicht nach jahrzehntelange Integrationsprobleme bestehen.
Empörte Reaktionen in sozialen Medien
Poggias Äusserungen lösten in den sozialen Medien heftige Reaktionen aus. Während einige Nutzer seine Bedenken bezüglich religiöser Abgrenzung teilen, werfen ihm andere Antisemitismus vor. Die Bandbreite reicht von scharfer Kritik bis hin zu Unterstützung für seine Sorgen um die Integration verschiedener Bevölkerungsgruppen.
Jüdische Organisation wehrt sich
Die jüdische Organisation Never Again is Now (NAIN Switzerland) widersprach Poggia energisch. Sie betont, dass der Eruv weder eine Mauer noch Segregation darstelle und anderen Anwohnern keine Regeln auferlege. Es entstehe auch kein paralleles Rechtssystem.
NAIN kritisiert insbesondere Poggias “aufgeladene Wortwahl” und Dramatisierung. In einem Europa mit zunehmenden antisemitischen Vorfällen hätten die Worte eines politischen Verantwortungsträgers besonderes Gewicht. Die Organisation stellt die zentrale Frage: “Warum löst sichtbares jüdisches Leben noch immer Unbehagen aus?”
Poggia bleibt bei seiner Position
Trotz der Kritik hält der Genfer Ständerat an seiner Einschätzung fest. Er argumentiert, dass gegenseitiger Respekt durch Zusammenleben entstehe und die Schweiz ihre Herausforderungen durch die Vermeidung getrennter Wohnviertel gemeistert habe. Poggia befürchtet, dass der Eruv zu einer verstärkten Nachfrage nach Wohnraum in den betroffenen Quartieren durch jüdische Familien führen könnte.
Seine Verteidigung gegen Antisemitismus-Vorwürfe begründet er damit, dass er die gleiche Kritik auch bei anderen religiösen Gemeinschaften äussern würde. Den Begriff “Ghetto” rechtfertigt er mit der Wörterbuchdefinition eines Viertels, in dem eine Gemeinschaft abgeschieden lebt.
Breitere gesellschaftliche Diskussion
Die Kontroverse um den Zürcher Eruv spiegelt breitere gesellschaftliche Fragen wider: Wie viel religiöse Sichtbarkeit ist in einer säkularen Gesellschaft akzeptabel? Wo verläuft die Grenze zwischen berechtigten Integrationsfragen und Diskriminierung? Diese Debatte betrifft nicht nur die jüdische Gemeinschaft, sondern auch andere religiöse Minderheiten in der Schweiz.
Die unterschiedlichen Positionen verdeutlichen die Spannungen zwischen religiöser Freiheit und gesellschaftlichem Zusammenhalt in einer pluralistischen Demokratie.